„Kinder sind schutzlos ausgeliefert“
Der Sexualmediziner und Psychotherapeut Hartmut Bosinski therapiert Erwachsene, die als Kind missbraucht wurden. Mit FOCUS-Online sprach er über Scham und Angst der Opfer.
von FOCUS-Online / Redakteurin Nicole Lauscher

FOCUS Online: Unter welchen Umständen kommt sexueller Missbrauch besonders häufig vor?
Hartmut Bosinski: Man muss hier klar unterscheiden zwischen dem Hellfeld, also den bei der Polizei angezeigten Fällen, und dem Dunkelfeld: den nicht angezeigten. Die meisten Missbrauchsfälle ereignen sich im familiären Nahraum des Kindes. Aus diesem Bereich heraus werden aber deutlich seltener Anzeigen erstattet, weil die Beteiligten ein Kartell des Schweigens aufbauen. Der Täter ist in der Hälfte der Fälle ein Freund der Familie oder ein Bekannter des Kindes – wie zum Beispiel ein Jugendgruppenleiter. In einem Drittel der Straftaten kommt der Täter sogar direkt aus der Familie, ist Onkel oder Stiefvater. Der Missbrauch durch einen gänzlich fremden Menschen findet eher selten statt, wird aber häufiger angezeigt. Fälle, in denen ein Täter sein Opfer auf dem Schulweg entführt und misshandelt, erregen das meiste Aufsehen und werden im Verhältnis am häufigsten angezeigt. Tatsächlich machen sie aber nur einen sehr geringen Teil der sexuellen Missbrauchsfälle aus.
FOCUS Online: Gibt es einen gewissen Kindertyp, der häufiger Opfer wird?
Hartmut Bosinski: Wenn man anfängt, Kinder in Opfertypen einzuteilen, gibt man ihnen indirekt Mitschuld an den Taten. Das darf nicht sein. Kein Kind kann etwas dafür, wenn sich ein Erwachsener an ihm vergeht! Es kommt nie auf das Kind an, sondern auf die Umstände, unter denen es lebt. Opfer eines Überfalltäters kann jedes Kind werden, ganz gleich ob Junge oder Mädchen, aus welcher sozialen Schicht es kommt, wie es sich verhält oder aussieht. In anderen Fällen gibt es statistische Zusammenhänge, die die Konstellation betreffen, in der das Kind lebt.
FOCUS Online: Welche Konstellationen sind das?
Hartmut Bosinski: Es gibt die Situation, dass ein Pädophiler sich ein zunächst fremdes oder ein Nachbarskind aussucht und sich systematisch in sein Vertrauen und schließlich in das seiner Familie einschleicht. Dafür wählt er zumeist Opfer aus sozial schwachen Schichten: Kinder, die zu Hause nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen und sich freuen, wenn ein Erwachsener sich für sie interessiert und ihnen Zuwendung schenkt. Oft nutzen diese Männer auch ihren materiellen Vorteil aus, beschenken das Kind, laden es zu Wochenendausflügen ein – Dinge, die sich die Eltern nicht leisten können. Diese ahnen gar nicht, was „der nette Mann“ für einen Hintergedanken hat. Im familiären Umfeld sind die Bedingungen hingegen wesentlich komplexer.
FOCUS Online: Sind gewisse familiäre Konstellationen „typisch“ für sexuellen Missbrauch?
Hartmut Bosinski: Für den innerfamiliären Missbrauch gibt es drei typische Konstellationen. Eine lässt sich unter dem Stichwort „Tyrannis“ zusammenfassen: Die Familie steht sozial am Rande, der Vater oder Stiefvater ist alkoholabhängig und tyrannisiert alle – er schlägt und vergewaltigt Mutter und Kinder. Das gilt für ungefähr ein Drittel aller Fälle. Die meisten Familien, in denen innerfamiliärer Missbrauch stattfindet – etwa 50 bis 60 Prozent der Fälle – sind aber von außen betrachtet „ganz normale Familien“. Sie schotten ihr Innenleben nach außen ab, haben, wie wir sagen, nur „endogame“ Bezüge. Ich fasse sie unter dem Stichwort „Troja“ zusammen. Es sieht aus, als würden alle Mitglieder an einem Strang ziehen. In Wahrheit ist es aber die älteste Tochter, die die Fassade aufrecht erhält. Während die Mutter, psychisch labil, mitunter alkoholabhängig, nicht mehr für die Familie da ist, übernimmt das Kind deren Rolle und kümmert sich tagsüber um Haushalt und die jüngeren Geschwister. Abends, wenn der Vater nach Hause kommt, muss sie ebenfalls die Mutter „vertreten“ und ihre Rolle als Liebhaberin einnehmen. Im extremen Fällen geht das so weit, dass die Tochter nachts im Ehebett, die Mutter aber im Kinderzimmer schläft. Die dritte, mit ungefähr sechs Prozent seltene Konstellation des innerfamiliären Missbrauchs ist die, dass ein älterer Bruder derjenige ist, der die jüngeren Kinder missbraucht.
FOCUS Online: Also findet Missbrauch verstärkt in Familien statt, die sowieso schon Probleme haben?
Hartmut Bosinski: Genau. Oft gehört auch Gewalt zum Alltag. Kinder, die zu Hause sexuell missbraucht werden, leiden dreimal so oft wie andere unter körperlicher Gewalt und erleben häufiger, dass ihre Eltern untereinander handgreiflich werden.
„Die Öffentlichkeit ist achtsamer geworden“
FOCUS Online: Warum lassen die Kinder die sexuelle Gewalt so oft still über sich ergehen, ohne Hilfe zu suchen?
Hartmut Bosinski: Das liegt in der Natur der Dinge. Die Kinder sind ihrem Schicksal schutzlos ausgeliefert. Wenn sie sich einem anderen Familienmitglied anvertrauen, werden sie oft mit Fragen wie: „Willst du etwa, dass Onkel Stefan wegen dir ins Gefängnis muss?“ mundtot gemacht. Wenn der Stiefvater Täter ist, schweigen Kinder oft mit der Begründung: „Meine Mutter war endlich wieder glücklich. Das wollte ich nicht zerstören.“ In den „Troja“-Familien trauen sich die Töchter oft erst dann, ihre Väter anzuzeigen, wenn sie ausgezogen sind und sehen, dass sich ihr Schicksal an der jüngeren Schwester wiederholt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Verjährungsfrist erst mit Erreichung der Volljährigkeit des Opfers beginnt. Auch wenn der Täter nicht zur Familie gehört, schweigen die Opfer aus Scham und Angst. Dazu kommt, dass Kinder erzogen werden, Erwachsene als Autoritätsperson anzunehmen. Sie sollen sich ihnen doch anvertrauen und ihnen gehorchen. Genau das nutzen die Täter aus. Oft korrumpieren sie die Kinder mit Floskeln wie: „Du bist doch der Beste“ oder „Ich helfe dir“. Sie beschwören ihr besonderes Verhältnis und binden so die Kinder an sich, indem sie ihre Freundschaft preisen. Oder sie verkaufen den Missbrauch als „gemeinsames Geheimnis“.
FOCUS Online: Werden häufiger Jungen oder Mädchen Opfer von Missbrauch?
Hartmut Bosinski: Insgesamt gesehen sind 80 Prozent der Missbrauchsopfer weiblich, 20 Prozent männlich. Im Hellfeld, also bei den angezeigten Fällen, werden Taten mit männlichen Opfern jedoch häufiger angezeigt, weil sie wesentlich öfter von Fremdtätern begangen werden.
FOCUS Online: Welche Folgen hat der Missbrauch für das Kind?
Hartmut Bosinski: Kinder beiderlei Geschlechts reagieren mit tiefer Verunsicherung, mit Scham und Angst: Ihnen wird etwas angetan, was sie nicht verstehen, was ihnen unheimlich ist und oft wehtut. Und das von einer Person, die ihnen eigentlich Schutz, Geborgenheit und Vertrauen vermitteln sollte. Sie werden in ihrer Beziehungsfähigkeit und ihrem Selbstvertrauen tief verletzt. Jungen tragen diese Verunsicherung öfter nach außen, reagieren aggressiv. Mädchen richten diese Aggressionen oft gegen sich selbst, werden depressiv, verletzen sich selbst oder unternehmen sogar Suizidversuche. Sie fühlen sich schuldig, weil der Täter es ihnen eingeredet hat. Im Erwachsenenalter haben diese Menschen oft große Probleme, sich selbst – ihren Körper, ihre Sexualität – positiv zu erleben. Beide Geschlechter entwickeln deshalb oft sexuelle Störungen. Für Mädchen kommt hinzu, dass sich die in der Kindheit erfahrene Verunsicherung fortsetzt: Sie werden im Erwachsenenalter überdurchschnittlich häufig wieder Opfer von gewalttätigen Männern. Generell gilt: Menschen, die als Kind missbraucht wurden, vergessen das ein Leben lang nicht. Selbst wenn sie versuchen, das Erlebnis zu verdrängen: Irgendwann kommt es wieder an die Oberfläche.
FOCUS Online: Werden Opfer später selbst zu Tätern?
Hartmut Bosinski: Da gibt es Gott sei Dank keinen Automatismus. Allerdings gibt es Fälle, in denen Täter als Kind selbst misshandelt und missbraucht wurden. Sie haben nie gelernt, dass es klare Grenzen zwischen der sexuellen Welt des Kindes und der des Erwachsenen gibt.
FOCUS Online: Begünstigt die sexuelle Freizügigkeit unserer Gesellschaft sexuellen Missbrauch?
Hartmut Bosinski: Ganz klar: nein. In den 50er-Jahren gab es genauso viele Missbrauchsfälle wie heute – mit dem Unterschied, dass wir sie heute zum Thema machen. Ich würde das als positive Seite der sexuellen Liberalisierung beschreiben: Die Öffentlichkeit ist achtsamer geworden, was das Thema Missbrauch betrifft. Wir setzen uns heute gezielter damit auseinander.
Prof. Dr. med. Hartmut Bosinski ist Sexualmediziner und Psychotherapeut und leitet die Sektion für Sexualmedizin am Universitätsklinikum Kiel. Seit fast 30 Jahren beschäftigt er sich mit Diagnostik und Therapie sexueller Störungen. Zu seinen Patienten gehören sowohl Erwachsene, die als Kinder sexuell missbraucht wurden und heute noch unter den Folgen leiden, als auch Männer, die selber Täter geworden sind oder Angst haben, aufgrund ihrer sexuellen Neigungen zum Täter zu werden.
FOCUS-Online / Nicole Lauscher
